Wir kennen sie doch alle, diese schrecklichen Gruppen voll kreischender alleinreisender Frauen, die vornehmlich auf Kegelfahrten oder Wochenendtrips zu den Baggerseen der Republik unterwegs sind.
Ja, genau das blüht mir jetzt. Korrektur vorweg: Wir werden nicht kreischen, nicht kegeln und nicht am Baggersee abhängen. Wir zehn werden unsere eingeölten Körper an einen gesäuberten Pool, vor eine wunderschöne Finka auf Ibiza legen und jeden Tag einen neuen Bikini vom Bad auf die Terasse spazieren tragen. Wir werden Cocktails schlürfen, Fingerfood essen und Tag ein Tag aus Gossip und John Legend hören.
Es ist die fleischgewordene Version von Sex & The City.
Ich bin nicht alleine zurück gekehrt aus Los Angeles. Meine neue Freundin heißt Olivia und hat die Größe eines Minimalibus. Sie ist wunderschön, sehr blass und klassisch in ihrer Form und Gestaltung. Sie hat ihre Heimatstadt Huntington Beach verlassen und mich kurzerhand nach Hamburg begleitet. Olivia und ich werden ab sofort jede Reise gemeinsam antreten. Das wird zugegebenermaßen sehr ungewohnt sein für mich, ich reise nämlich am liebsten allein.
Sie ist eine Schönheit…
Sune Gustavson ist 69 Jahre alt. Ein blonder, braungebrannter Bilderbuch-Schwede, falls man sich überhaupt so weit aus dem Fenster lehnen darf. Sune ist ehemaliger Besitzer einer Autoreifen-Fabrik und passionierter Eishockey-Spieler. Er trägt Armani-Jeans, Siegelringe und Labello. Er liebt seinen Schal mit der Variante “Düsseldorfer Schlaufe” geknotet und trinkt Whiskey unbeeindruckt nach Rot- und Weißwein. Er ist spendabel und sehr höflich – vor allem ist er aber eines: absolut distanzlos. Seit nunmehr 15 Jahren singt er, vornehmlich alte Elvis-Klassiker, Big Band-Hits ganz grosser Stars und schlechte Popsongs von Boys II Men. Sune singt regelmäßig in Karaoke-Bars und in Altersheimen vor einem sehr, sehr dankbaren Publikum. Sehr gerne gibt er Kostproben, und präsentiert dann auch gerne unaufgefordert sein gesamtes Repertoire. Stundenlang und inbrünstig. Nun, die Tatsache, dass wir unfreiwillig einen sehr engen Raum an Board der US Airways Maschine nach North Carolina teilen mussten hat es nicht gerade einfacher gemacht. Oder anders ausgedrückt: Es gab kein Entkommen. Fast 5 1/2 Stunden lang hat Sune getrunken, Runden geschmissen und gesungen, was das Zeug hält. Zurechtweisungen der Stewardessen und anderer Passagiere wurden stirnzunzelnd ignoriert und mit weiteren alkoholischen Bestellungen kommentiert.
Vielleicht war das der längste Flug meines Lebens.
…und mein Los Angeles Flug steht damit in den Sternen. Da will man schon so verrückt sein und kurzfristig für fünf Tage (alles wegen einer Geburtstagsparty) nach Cali fliegen und dann das. Die Staubwolke des Vulkans im Gebiet des Eyjafjallajökull-Gletschers pustet unaufhörlich Mist in die Atmosphäre und behindert damit seit Tagen den kompletten Flugverkehr in Nordeuropa. Buchen kann man – auf eigene Verantwortung, sagt die Lufthansa. Die eingelösten Prämienmeilen verfallen bei Nicht-Beförderung. Man würde mir schließlich im Falle des Falles einen Ersatzflug anbieten. Was aber nützt das, wenn man termingerecht fliegen will. Muss man das verstehen?
Jetzt bin ich tatsächlich schon wieder ein Jahr älter. Und schöner. Oder so. Und weiser. An Erfahrungen reicher, das ja. Definitiv. Das letzte Lebensjahr hat sich als gnädig entpuppt. Es hat mich mehrmals um den Globus geflogen, hat mich Menschen kennen lernen lassen, die alles verändert haben. Es hat mich weinen und viel lachen lassen. Es war nett zu mir. Das neue beginnt mit dem Frühling. Bei knapp 18 Grad Celsius hat es sich bereits in den ersten Stunden von seiner schönsten Seite präsentiert. Ich trage Röcke, Haarspangen und Rosendeo. Ich fahre auf meinem neuen Fahrrad “Ingrid” durch die Schanze und durch Eimsbüttel und trinke viel Bier. Und Pläne habe ich. Weltverbessernde Pläne. Und Reisepläne. Mal wieder Los Angeles, Ibiza, Indien… Ich sammel Meilen wie andere Mädchen Schuhe und freue mich auf alles, was noch kommt. Wenn das mal nicht euphorisch ist, dann weiß ich es nicht. Auf das Leben!
Es ist egal, dass ich bereits in Kalifornien erkrankt bin. Auch ohne die Vorerkrankung hätte ich mich spätestens beim Landeanflug auf Hamburg zum Kotzen gefühlt. In Hotpants, Top und barfuss war der Regen in der Hansestadt wie ein buchstäblicher Tritt in die Fresse. 18 Grad Celisius und Regen, keine 24 Stunden später sogar Hagelkörner, von der Größe grüner Trauben…
Sanftes Ankommen ist anders. L.A. hat in den letzten Augustwochen, wie allgemein bekannt, an der ernormen Hitze und Trockenheit gelitten. die Folge sind verheerende Waldbrände, die jetzt bereits eine Waldfläche von 500 Quadratkilometern mit zum Teil 35 Meter hohen Flammwänden zerstört haben. Schrecklich. Was soll ich sagen? Es war erdrückend und furchtbar mit anzusehen, wie diese wachsende und dichter werdende graue Rauchwolke nach und nach den Himmel trübte. Jeden Tag ein wenig mehr.
Makabrerweise hatte man beim Anblick des Hamburger Himmels ähnliche Katastrophenassoziationen…
An alle Urlaubskinder da draußen in der Sonne: Bleibt, wo ihr seid!!!
Aus der Exklusiv-Walkstreet direkt in eine schmutzige Jugendherberge. Welch Abstieg! Aber ich hatte tatsächlich kein Internetzugang all die Zeit und auch sonst schien alles in mir auf “soziale Kontakte” zu zielen. Genug des Hermit-Daseins. Das Wochenende steht vor der Tür und es wird Zeit sich mal mit jungen Menschen zu unterhalten. Dachte ich. Und wo geht das besser als in Hollywood, Baby. Mitten auf dem Hollywood-Boulevard liegen die Banana-Bungalows – die Jugendherberge. Aus mindestens 10 Lautsprechern dröhnt hier 24 Stunden “KRoq”, ein hiesiger Rock-Radiosender und wären wir nicht in Hollywood, man könnte meinen der Strand sei um die Ecke. Jeder hier trägt Billabong oder Quiksilver-Boardshorts. Ich nenne es mal freundlich das Cali-Syndrom. Wenn du schon nicht von hier bist, willst du wenigstens das Clichée eines Boardsport-Dudes erfüllen. Hm. Mit meinem Einzug habe ich auch schlagartig das Durchschnittsalter erhöht und gleichzeitig die Frauenquote in die Höhe getrieben. Hollywood, it´s fucking me!
Wir werden sehen…
here we are: zurueck in l.a. wow. der flug war eine katastophe, aber auch das hat mich nicht sonderlich ueberrascht. ich habe vegetarisches essen bestellt bei united airlines. nicht gut. es gab zum fruehstueck bohnen, kichererbsen und zuchini in oel. kalt! ohne brot, ohne broetchen, ohne alles. die getraneke kosten alle extra und die stewardessen waren so fett, eine von ihnen konte nur seitlich durch den gang… so. ich bin wieder nachbarin von julia roberts, ich bin wieder gernervt von ihrem permanent bellenden hund und ihrer alle 20 minuten anspringenden air condition, deren generator direkt vor meinem fenster platziert ist. herrlich. und soll ich euch was verraten? i LOVE it! ich kann mir keinen schoeneren ort auf der welt vorstellen. die letzten zwei tage bin ich mit dem fahrrad durch venice und santa monica herum geduest. jetzt habe ich arsch schmerzen und einen monster sonnenbrand auf den armen. der erste versuch den strand zu geniessen war eine wundersame begebenheit. ich war die einzige weisse am strand. dieser war fest in der hand von mexikanischen grossfamilien. und wenn ich sage grossfamilien, dann ist das woertlich zu nehmen. 10-15 personen unter grosszelten, mit picknickkoerben, so gross wie mein twingo und ghetto-blastern. das wundersamste aber ist, dass sie in voller montur baden gehen. komplett bekleidet. ? aha. warum, das konnte mir hier keiner erklaren. ich bin also wieder mittendrin. ich wundere mich, schuettle permanent mein sonnen verbranntes hirn und freue mich ueber gelegentliche non-fat-lacto-free-latte. auf das leben!
Wow. Ein Jahr ist vergangen seit unserer Girls-Monster-Kalifornien-Tour. Und der nächste Abflug naht auch schon wieder. Es wird August und ich werde unruhig… Es ist wie mit der Periode – wenn nicht irgend etwas Katastrophales passiert, bliebt die Regelmäßigkeit gewahrt. Und drum wird gebucht, es wird geflogen, es wird gelebt und es wird gehofft, dass alle Fluggesellschaften der Welt im September die Flüge streichen. Auf ewig, der Umwelt zuliebe, oder sowas…
Ich fahre in den Schnee. Nicht in irgendeinen Schnee – pah! In den letzten Schnee. Quasi “Last Minute” Winter. Während sich hier alle schon mit Sonnenbrillen und Flip Flops ausstatten, wachse ich mein Board. Ich liebe Schnee im Frühling. Das ist wie Eistee am Strand, im Hochsommer. Das ist toll. Das ist Urlaub. Ich kann zwar so gut snowboarden wie ein Pinguin, aber selbst das Auf-dem-Arsch-Gerutsche macht Spaß.
Das – und zwar ausschließlich das – ist die einzige Legitimation, mit der man eine Reise nach Bayern rechtfertigen kann.